Tiere als letzte Weggefährten

11. Februar 2025

Viele alleinstehende Seniorinnen und Senioren leiden unter Einsamkeit. Der Ehepartner ist verstorben. Kinder und andere Familienangehörige leben häufig weit entfernt und kommen nur selten zu Besuch. Die wenigen Freunde leben im Seniorenheim. Wegen der Corona-Krise sind soziale Kontakte zusätzlich erschwert. ...

von Michaela Hövermann

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Viele alleinstehende Seniorinnen und Senioren leiden unter Einsamkeit. Der Ehepartner ist verstorben. Kinder und andere Familienangehörige leben häufig weit entfernt und kommen nur selten zu Besuch. Die wenigen Freunde leben im Seniorenheim. Wegen der Corona-Krise sind soziale Kontakte zusätzlich erschwert. Hunde und Katzen sind dankbare und treue Mitbewohner. Sie bringen das Leben zurück ins Haus. Aber nicht jeder ältere Mensch ist dieser Herausforderung gewachsen.

 

Gerade zur Weihnachtszeit haben viele Seniorinnen und Senioren den Wunsch, nicht länger allein in ihren eigenen vier Wänden zu sein. Da liegt der Gedanke an Haustiere nahe.
Was eignet sich besser als vierbeiniger Gefährte, Hund oder Katze? Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Beide haben so ihre Vor- und Nachteile. Die Anschaffung von Haustieren will allerdings – in jedem Alter – gut überlegt sein. Denn Tiere bedeuten Verantwortung. Und darum sollten auch nicht „einfach so“ Tiere an ältere Menschen verschenkt werden. Erst muss gewährleistet sein, dass die Seniorinnen und Senioren die Versorgung von Hunden oder Katzen übernehmen können und möchten.

Tierhaltung macht glücklich

Eigene Haustiere zu haben, ist für viele Seniorinnen und Senioren ein Traum. Mit einem Tier im Haus ist immer ein Ansprechpartner vor Ort. Streicheln und Kuscheln baut Stress ab und kann sich sogar vorteilhaft auf den Blutdruck auswirken. Ein Grund dafür ist das Kuschelhormon Oxytocin: Es wird bei Berührungen ausgeschüttet – und zwar auf beiden Seiten!
Haustiere schenken Menschen Zuwendung, Geborgenheit und Trost. Ihre Anwesenheit erfüllt wichtige menschliche Grundbedürfnisse und gibt älteren Menschen eine verantwortungsvolle Aufgabe.

„Man ist nicht mehr allein der Wohnung.“

Die 79-jährige Elfriede M. aus einer Kleinstadt im Harz hat immer Hunde gehabt. Trotzdem hat sie lange überlegt, bevor sie sich wieder für einen Hund entschieden hat. Ihre Wahl fiel auf die damals 8-jährige Mischlingshündin Emma: „Wir zwei Omis gehen täglich spazieren“, erklärt sie stolz.
Sie bekommt täglich Besuch vom ambulanten Pflegedienst. Der Altenpflegerin Heike D. ist die Veränderung an Elfriede M. aufgefallen. Seit sie ihren Vierbeiner bei sich hat, ist die Seniorin regelrecht aufgeblüht: „Emma ist ihr Ein und Alles. Sie hat wieder etwas, wofür sich das Leben lohnt.“

Vor allem die Berührungen seien sehr wichtig, erklärt die 49-Jährige: „Das machen sich viele Leute nicht klar. Aber alte einsame Menschen werden kaum noch zärtlich oder liebevoll berührt.“
Dass der Schnauzer-Pudel-Mix nach Strich und Faden verwöhnt wird, sieht man: Sie hat ein bisschen Übergewicht und weiß genau, wie sie Frauchen die begehrten Leckerlis abluchsen kann. Ein Blick auf ihren Kulleraugen lässt die Rentnerin dahinschmelzen.
Elfriede M. kann stundenlang von ihrem Hund erzählen. Wie es ohne ihre „Hunde-Omi“ war? Daran mag sie gar nicht mehr denken.

 

Verantwortung für Haustiere übernehmen

Das Tierwohl darf bei all den positiven Auswirkungen auf den Menschen nicht vernachlässigt werden. In bestimmten Situationen, bei Krankheit oder finanziellen Schwierigkeiten, kann das zu Überforderung führen.
Eine verantwortungsbewusste Tierhaltung verlangt eine intensive Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen von Hunden und Katzen.
Elfriede M. macht es zwar glücklich, ihrem Vierbeiner Leckerchen zuzustecken. Für die inzwischen 10-jährige Senior-Hündin Emma ist Übergewicht allerdings gesundheitlich nachteilig. Die Rentnerin wiegelt ab: „So schlimm ist das nicht.“ Ein Tierarzt sähe das eventuell anders.

 

Ein oder zwei Haustiere adoptieren? – Rudeltier Hund vs. Gesellschaftstier Katze

Ein Hund eignet sich prinzipiell zwar zur Einzelhaltung. Besser ist es allerdings, mindestens zwei Vierbeiner aufzunehmen. Elfriede M. hat mit Emma eine Hündin gefunden, die mit anderen Hunden eher nicht verträglich ist. In ihrem Fall ideal. Andere Hunde brauchen dagegen Artgenossen.
Katzen sind – entgegen der landläufigen Meinung – keine Einzelgänger. Sie sollten generell zu zweit oder sogar in einer kleinen Gruppe gehalten werden. Sie brauchen den Kontakt zu ihren Artgenossen, um ein gesundes und glückliches Leben führen zu können. Das gilt besonders für Wohnungskatzen, die – anders als Freigänger – keine Außenkontakte zu anderen Katzen haben.

Das war für die beiden rüstigen Endsiebziger Jutta und Willi E. der Grund, ein Katzenpärchen aus dem Tierheim zu adoptieren. Ihre Wahl fiel auf zwei erwachsene Hauskatzen im Alter von fünf und sieben Jahren. Die beiden waren als Abgabetiere im Tierheim gelandet – und fanden bei dem Ehepaar ein neues Zuhause. „Wir hätten es nicht übers Herz gebracht, die beiden zu trennen.“
Mehrere Tiere aufzunehmen, hat noch einen anderen Vorteil: Die Katzen beschäftigen sich miteinander. Dadurch langweilen sie sich nicht so schnell, und es kommt seltener zu Verhaltensauffälligkeiten.

Einzelhaltung nur im Ausnahmefall

Kleine Wohnungen schränken die Möglichkeit zur Tierhaltung allerdings ein. Die Versorgung mehrerer Tiere bedeutet außerdem eine größere finanzielle Belastung. Nicht alle können diese Kosten mit ihrer monatlichen Rente stemmen.
In Tierheimen finden sich aber immer wieder Fellnasen, die aufgrund ihrer Vorerfahrung sowieso keine Artgenossen in ihrer Nähe dulden. Sie wollen „ihren Menschen“ ganz für sich allein haben. Das Tierheim-Personal berät bei der Auswahl und prüft bei einer Vorkontrolle, ob die Voraussetzungen prinzipiell stimmen.

 

Kosten der Haustierhaltung

Tierhaltung kostet Geld. Neben den Anschaffungskosten kommen auf Hundehalter die Hundesteuer und eine gesonderte Tierhalter-Haftpflichtversicherung zu. Dazu kommt die Investition in die Grundausstattung wie Futter- und Wassernäpfe, Schlafbettchen, Decken, eine stabile Box für Tierarztbesuche und unterschiedliches Spielzeug zur Beschäftigung. Für Hunde sind Geschirr und Leine, für Katzen Kratzbäume, Kratzmöbel und Katzentoiletten Pflicht. Sonst nutzen die Stubentiger als Alternative zur Krallenpflege schlimmstenfalls Möbel, Tapeten und Gardinen.
Auch Tierfutter, Katzenstreu und Tierarztbesuche machen sich im Portemonnaie bemerkbar. Bei einem Hund fallen – je nach Größe – monatlich zwischen 100 und 200 Euro an. Für eine Katze sollten rund 90 Euro im Monat einkalkuliert werden.

 

Vorsorge für den vierbeinigen Liebling treffen

Die Lebenserwartung von Katzen und Hunden steigt kontinuierlich. Das liegt an der besseren tierärztlichen Versorgung. Auch die Ernährung von Haustieren verbessert sich stetig. Immer mehr Tierhalter lehnen minderwertiges Futter mit Getreide, Kohlenhydraten und Zucker für Katzen und Hunde ab. Auch das macht sich bemerkbar. Abhängig von ihrer Größe werden Hunde bis zu fünfzehn Jahre alt.
Katzen erreichen ein noch höheres Alter. Es gibt Stubentiger, die weit über zwanzig Jahre alt werden. Das kann als Vor-, aber ebenso als Nachteil empfunden werden. In jedem Fall bedeutet die Anschaffung eines Haustieres eine langfristige Verantwortung.

Im Krankheits- oder Pflegefall

Wenn der ältere Mensch schwer erkrankt, pflegebedürftig wird und notgedrungen in ein Pflege- oder Seniorenheim umziehen muss, braucht der vierbeinige Gefährte ebenfalls eine neue Unterkunft. Wer nimmt die Tiere in diesen Fällen auf? Gibt es Verwandte, Freunde oder Bekannte, die sich liebevoll um die Katzen und Hunde kümmern?
Falls nicht, ist ihre nächste – und häufig letzte – Station das Tierheim. Tierschützerin Jana M. erklärt: „Die Angehörigen nehmen zwar gern das Erbe. Aber für die tierischen Weggefährten gibt es keinen Platz. Nicht alle können weitervermittelt werden.“ Manche Vierbeiner seien einfach zu alt. Dann will sie niemand mehr.
Im Tierheim in Bad Lauterberg im Harz gibt es ein Domizil, in dem Stubentiger im Seniorenalter ihren Lebensabend verbringen können. Dort werden sie liebevoll versorgt. Aber ein richtiges Zuhause kann das nicht ersetzen.
Ein Schicksal, das Tierliebhaberinnen und Tierliebhaber ihren vierbeinigen Weggefährten sicher ersparen möchten. Darum gilt es, für den Ernstfall vorzusorgen und den Verbleib der geliebten Haustiere rechtzeitig zu regeln.

Fazit

Haustiere sind wahre Jungbrunnen für Seniorinnen und Senioren. Sie schenken älteren Menschen neuen Lebensmut, vertreiben die Einsamkeit und geben ihnen wieder eine Aufgabe. Die Bindung zwischen älteren Menschen und ihren Hunden oder Katzen kann sehr innig und intensiv sein, wenn die Charaktere zusammenpassen.
Erwachsene Tiere sind für Rentnerinnen und Rentner besser geeignet als Welpen oder Kitten, weil ältere Fellnasen bereits erzogen und charakterlich gefestigt sind.
Allerdings dürfen mögliche Tierarztkosten nicht vergessen werden: Tiere leiden häufig im Alter – genau wie ältere Menschen – unter Krankheiten und brauchen Medikamente oder eine engmaschigere tierärztliche Betreuung.
Die liebevolle, artgerechte Versorgung der Tiere sollte im Alltag jederzeit sichergestellt sein. Selbst körperlich eingeschränkte Seniorinnen und Senioren können hervorragende Tierhalter sein – wenn sie Hilfe und Unterstützung bei den anstehenden Aufgaben haben. Das schließt sich also nicht aus.
Dafür ist ein entsprechendes finanzielles Polster nötig. Stimmen die Voraussetzungen? Dann spricht nichts gegen die Tierhaltung.

 

erschienen in: FÜNFZIG+ life – Ausgabe 03/2020

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