Wer fährt denn da?

11. Februar 2025

Assistenzsysteme im Auto

ABS – eine Abkürzung, die wohl jedem geläufig ist, der heutzutage ein Automobil sein Eigen nennt. Kein Wunder, schließlich ist das Assistenzsystem seit 2004 in allen neuen Personenkraftwagen Pflicht. Doch wie steht es mit AGR, LKA oder HDC? Da wird ...

von Michael Seiler

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ABS – eine Abkürzung, die wohl jedem geläufig ist, der heutzutage ein Automobil sein Eigen nennt. Kein Wunder, schließlich ist das Assistenzsystem seit 2004 in allen neuen Personenkraftwagen Pflicht. Doch wie steht es mit AGR, LKA oder HDC? Da wird es vermutlich schon schwerer. Hinter diesen Kürzeln verbergen sich der Abstandsregeltempomat, der Spurhalteassistent und die Bergabfahrhilfe. Gewusst? – Der Trend geht zu immer autonomeren Systemen. Fahren wir bald nicht mehr selbst?


Wer heutzutage einen Neuwagen bestellt, bekommt in seinen Konfigurationsunterlagen eine ellenlange Liste an integrierten Fahrassistenzsystemen (FAS) mitgeliefert. Selbst bei manchen Basisausstattungen moderner Fahrzeuge muss man sich mitunter fragen, ob man die Fahrgastzelle mit dem Inneren eines Computers verwechselt hat. Radarsensoren, Kameras und Mikrochips – das alles klingt schon lange nicht mehr nach der einstigen Erfindung von Carl Benz.
Für jede Fahrhandlung, die der Mensch seit der ersten Ausfahrt des Automobils im Jahre 1886 lange Zeit eigenhändig durchführen musste – sei es nun Gas geben, Bremsen, Abbiegen oder Einparken – gibt es mittlerweile diverse elektronische Assistenten im Auto, die einem die Aufgabe erleichtern oder selbige sogar ganz abnehmen. Marc Münstermann, Verkaufsleiter im Autohaus Nippon in Göttingen, nennt ein Beispiel: „Wir haben einen Parkassistenten, bei dem man auf Knopfdruck den Wagen aus einer Parklücke herausholen und wieder hineinfahren kann, wenn es nach rechts und links zu eng ist.“ James Bond lässt grüßen. Innovationen gibt es in PKWs am laufenden Band, aber sind sie auch wirklich nützlich?

 

Aus Komfort wird Sicherheit

Anfangs waren Kraftstoffersparnis und Fahrkomfort die obersten Prämissen von Fahrassistenzsystemen. Paradebeispiel ist der 1962 in Deutschland heimisch gewordene Tempomat und Vorfahr des heutigen ACC-Systems. Der Tempomat war vor allem auf langen, eintönigen Strecken ein Segen, aber hinsichtlich der Aufmerksamkeit des Fahrers nicht ganz sorgenfrei zu betrachten. Konzentriert lenken musste man schließlich noch selbst.
Der Fokus der Assistentenentwicklung änderte sich spätestens Ende der 1990er Jahre. Vor allem durch immer leistungsfähigere Motoren und aerodynamische Änderungen an der Karosserie wurden Autos immer schneller. Das Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen errechnete für den Zeitraum Januar bis Mai 2020 einen Durchschnitt von 166 PS bei neu zugelassenen PKW. 1995 lag dieser Wert noch bei 95 Pferdestärken. Fakt ist: Höhere Geschwindigkeiten haben ein höheres Unfallrisiko unter der Motorhaube. Es ist also nicht verwunderlich, dass heute Sicherheitsaspekte die Neu- und Weiterentwicklungen von Fahrhilfen dominieren.
Am 2013 in Deutschland eingeführten Kollisionswarner lässt sich die Evolution von Fahrassistenzsysteme sehr gut verdeutlichen. Gab es zu Beginn lediglich eine Auffahrwarnung im Display und einen durchaus wachrüttelnden Warnton, drosselt heute ein Notbrems-
assistent ganz von selbst die Geschwindigkeit so weit wie nötig, um eine Kollision zu vermeiden oder einen unausweichlichen Aufprall deutlich abzuschwächen. Noch intelligentere und modernere Systeme können sogar Fußgänger und Fahrradfahrer erkennen. Daniel Santalucia, KFZ-Mechatroniker im Autohaus Nippon, erklärt: „Wenn eine Plastiktüte vor dem Auto vorbeiweht, wird das Auto das nicht als Gefahr erkennen und weiterfahren. Bei einer Person leitet er aber eine Notbremsung ein.“
Das alles geschieht, weil moderne Fahrzeuge mit einer Vielzahl an Kameras und Sensoren ausgestattet sind. Wem bei all der Elektronik hinsichtlich des Pannenpotenzials angst und bange wird: „Von einem Fehler in einem Assistenzsystem bleibt der Wagen nicht gleich liegen“, sagt Daniel Santalucia. „Die Systeme sollen ja nur unterstützen.“

 

 

FAS für ältere Verkehrsteilnehmer – Fluch oder Segen?

Fahrassistenzsysteme sind Hilfsmittel, die dem Fahrer zur Seite stehen und die Fähigkeiten der oder des Lenkenden ergänzen sollen. Bei älteren Verkehrsteilnehmern bekommt das eine ganz besondere Bedeutung: Mit zunehmendem Alter lässt die kognitive Leistungsfähigkeit langsam nach. Vormals noch recht einfach und routiniert zu bewältigende Situationen, z. B. im chaotischen Innenstadtverkehr, werden allmählich anstrengender und schwerer zu überblicken. Es häufen sich Fehler beim Abbiegen, auf Kreuzungen, beim Wenden und Rückwärtsfahren, z. B. während des Ein- und Ausparkens. 70 Prozent aller Unfälle, an denen ein Verkehrsteilnehmer über 65 Jahre beteiligt ist, passieren laut des jüngsten Unfallverhütungsberichts des Bundesministeriums für Verkehr innerorts. Noch bedeutsamer: Ist jemand über 65 an einem Unfall beteiligt, trug sie oder er statistisch zu 61 Prozent die Hauptschuld. Manche FAS sind in der Lage, gerade komplexe Aufgaben zu vereinfachen oder Teile davon automatisch zu erledigen und somit potenziell Unfallrisiken zu reduzieren.
Eine interessante Entwicklung offenbart eine 2017 durchgeführte Befragung von fast 5000 Personen durch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) hinsichtlich der Sinnhaftigkeit eines Eingriffs eines Fahrzeugsicherheitssystems. Mit steigendem Alter scheinen Hilfen von außen willkommener zu werden.

 

Den Faktor Mensch aus der Gleichung nehmen

Was vor einigen Jahren noch pure Science-Fiction war, könnte in absehbarer Zeit Realität werden: Sinnbildlich auf dem Rücksitz Platz nehmen und uns fahrerlos herumkutschieren lassen. Schon jetzt gibt es in neueren Fahrzeugtypen einzelne teilautonome bis vollautonome Systeme. Diese decken aber bisher nur einen Teil der Gesamtfahrleistung eines Menschen ab.
Bis es also so weit ist, dass wir uns zurücklehnen können und nicht mehr aktiv fahren, stellen vor allem die Fahrdynamiksysteme für manche Fahrer eine Herausforderung dar. Gerade für ältere Verkehrsteilnehmer. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man lediglich eine Information im Display oder einen akustischen Warnhinweis erhält, ob das Lenkrad vibriert oder das Auto abrupt abgebremst wird. Man sollte sich vorab mit den Hilfsmitteln auseinandersetzen, die einem ein neues Gefährt zur Verfügung stellt, damit man im Falle des Falles keine böse Überraschung erlebt und womöglich nur dadurch falsch reagiert. Marc Münstermann hat festgestellt, dass sich immer mehr Kunden intensiver auf den Autokauf vorbereiten, gerade auch, weil es so viele Hilfsmittel und Funktionen gibt, die man in die Wunsch-Konfiguration integrieren kann. „Es gibt viele Kunde, die sich belesen, die sich mit einem Fahrzeug auseinandersetzen und sich viele Videos auf YouTube dazu angucken. Dort bekommen sie viele Sachen schon erklärt, sodass wir hier gar nicht mehr so viel über Assistenzsysteme sprechen müssen.“

 

 

Nicht immer gleich

Jeder Automobilhersteller nutzt andere Systeme, um sein Auto sicherer zu machen. Zwar gibt es seitens der EU immer wieder neue Verordnungen, die bestimmte Assistenzsysteme für die Genehmigung aller neuen PKW-Modelle verpflichtend macht, doch die Ausführungen schwanken in ihrer Qualität stark. Wie spürbar etwa das Vibrieren des Lenkrads beim unabsichtlichen Verlassen der Spur ist, oder wie gut die Leuchte des Totwinkel-Assistenten am Seitenspiegel zu erkennen ist, hängt immer vom Hersteller und vom speziellen Modell bzw. der Generation ab. Menschen mit einem erhöhten Sicherheitsbedarf sollten bei der Wahl des neuen Fahrzeugs genau auf solche Dinge achten. Beim Hyundai-Händler in Göttingen ist man sich bewusst, dass es hochentwickelte Systeme wie z. B. das Einblenden der Seitenkamera beim Abbiegen im Display stellenweise nur in den höchsten Ausstattungsvarianten gibt. „Das ist schon Luxus“, sagt Marc Münstermann. „Aber als Hersteller möchte man natürlich auch Begehrlichkeiten wecken.“ Nicht zuletzt komme es aber auch immer auf den Wettbewerb an, wie schnell etwas serienmäßig wird. Hyundai-Experte Münstermann wünscht sich, dass bald noch weitere Assistenzsysteme Pflicht werden, und hat gleich ein paar Vorschläge: „Ein Querverkehrswarner ist wirklich gut. Aber einer, der nicht nur akustisch warnt, sondern auch eingreift und das Auto stoppt. Auch ein Fernlichtassistent zum rechtzeitigen Abblenden macht Sinn.“

 

TÜV und ADAC raten: Bitte (nicht) abschalten!

Manche Assistenz- und Sicherheitssysteme lassen sich manuell – entweder vom Fahrer oder von einer Werkstatt – temporär oder dauerhaft abschalten. Experten von TÜV und ADAC halten das aber nur bedingt und in Einzelfällen für sinnvoll. So ist beispielsweise gemäß EU-Verordnung ab 6. Juli 2022 der Intelligente Geschwindigkeitsassistent (ISA) bei allen neuen Fahrzeugtypen Pflicht. Der ADAC begrüßt laut eigener Aussage die Möglichkeit, das System manuell abzuschalten, weil es noch nicht ausreichend erprobt und ausgereift sei. Dagegen halte man die Abschaltmöglichkeit des ebenfalls Mitte 2022 zur Pflicht werdenden Notfall-Spurhalteassistenten für unnötig. Das zeigt, dass längst nicht alle Systeme, die zum jetzigen Zeitpunkt auf dem Markt sind, die letzte Entwicklungsstufe erreicht haben.

 

 

Nicht die Beherrschung verlieren

Bei der Vielzahl an Assistenz- und Sicherheitssystemen verliert man nicht nur bei der Neuwagenbestellung schnell den Überblick. Schwierig wird es beim Fahren auch dann, wenn sich Warnungen oder Eingriffe nicht oder nicht schnell genug zuordnen lassen. Derzeit bedeutet Autofahren noch, dass ein menschlicher Fahrer bei all den intelligenten Hilfsmitteln im Auto den Wagen selbst beherrschen muss. Doch stehen einer intuitiven Bedienung des Wagens häufig Designaspekte im Weg. Allen voran digitale Displays in der Mittelkonsole, die zuallererst schick aussehen sollen. Auch Daniel Santalucia sind Displays stellenweise zu überladen. „Wenn man bestimmte Fahrzeugeinstellungen ändern will, muss man manchmal lange suchen. Selbst wir als Fachleute.“ Für Marc Münstermann stellen komplexe Displays auch eine Gefahrenquelle dar: „Hier ist das Problem, dass die Leute zu lange auf den Bildschirm gucken und nicht auf den Verkehr.“ Wie etwa bei Navigationssystemen, die mit bunten, sich drehenden Pfeilen wenig funktional wirken, nicht nur für ältere Menschen.
Gerade die Bedienbarkeit von Fahrassistenzsystemen ist noch nicht altersgerecht abgestimmt, um bei der Gruppe der Verkehrsteilnehmer 50+ zu einer effektiven Senkung von Unfällen und Abmilderung von Unfallfolgen zu führen. Das wird in Fachkreisen schon länger bemängelt. Man darf also auf die nächsten Entwicklungsschritte gespannt sein.

 

erschienen in: FÜNFZIG+ life – Ausgabe 03/2021

Fotos: © Hyundai

Grafik: © Hyundai/SMA