Auf Initiative der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen wurde die Studie “AD-Hearing” zu den Zusammenhängen von Hörgeräteversorgung und geistiger Leistungsfähigkeit im Alter ins Leben gerufen – kann die Demenzforschung in Zukunft davon profitieren?
Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2010 leiden knapp 35 Prozent der Frauen ab 65 Jahren an Schwerhörigkeit, bei den Männern sogar fast 41 Prozent (Quelle: „Gesundheit in Deutschland aktuell 2010“, RKI, 2010). In dieser Altersgruppe hat also mehr als jeder Dritte unter einer reduzierten Hörfähigkeit und den damit verbundenen zwischenmenschlichen und psychischen Auswirkungen zu leiden. Verletzungen, Entzündungen oder Hörstürze, aber auch das Altern selbst können dafür verantwortlich sein. Zu den Verletzungen im weiteren Sinne gehören auch Lärmschäden. Die Lärmschwerhörigkeit ist die häufigste anerkannte Berufskrankheit in Deutschland. Hinzu kommen die Fälle aus dem privaten Umfeld. Verletzungen sind insgesamt aber relativ selten.
Lässt das Gehör nach, schwindet ein wichtiger Baustein menschlicher Kommunikation, die nach dem Sender-Empfänger-Modell funktioniert. Ist der Empfänger sozusagen nicht korrekt „eingeschaltet“, gerät das Modell ins Wanken. Beim Empfänger beginnen durch die Hörminderung, Gesprächsinhalte zu Satz- oder Wortfetzen zu werden. Das allein erschwert schon eine reibungslose Kommunikation – stellenweise entstehen sogar peinliche oder unangenehme Situationen. Es wird immer anstrengender, Gesprächen zu folgen. Dadurch, dass mehr Anstrengung auf das Hören verwandt wird, fehlen diese Kapazitäten für andere Leistungen wie etwa für das Gedächtnis. Außerdem ist verständlich, dass, wenn Inhalte das Gehirn erst gar nicht erreichen, diese auch nicht erinnert werden können.
In Zeiten von Corona und dem dazugehörigen Mund-Nasen-Schutz fehlt außerdem die Möglichkeit, sich über das Mundbild und die Mimik etwas “zusammenzureimen”. Irgendwann kommt man gar nicht mehr mit und das „Abschalten“ beginnt. Menschen mit fortschreitender Schwerhörigkeit geraten so immer weiter ins soziale Abseits. Auch mit Kompensationsstrategien wie Themenwechseln oder gar der Vermeidung von Gesprächssituationen ist einem nie dauerhaft geholfen. Im Gegenteil: Gerade der Wegfall kommunikativer Interaktion ist mit einem Risiko verbunden, Lebensqualität einzubüßen, womit wiederum die Entwicklung psychischer Erkrankungen begünstigt werden kann. Dazu können unter anderem Depressionen und Ängste gehören. Dass Schwerhörigkeit depressiv machen kann, ist wissenschaftlich belegt. Depressionen wiederum gelten ebenfalls als Risikofaktor für eine spätere Demenz.
Diese Zusammenhänge sind der Ansatzpunkt für eine neue Studie an der Universitätsmedizin Göttingen, für die ab sofort Probandinnen und Probanden gesucht werden, und die unter dem Titel „AD-Hearing“ läuft. Die Forschungsgruppe um Leiterin Dr. Claudia Bartels setzt sich dabei aus Mitarbeitern der federführenden Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und der Hals-Nasen-Ohren-Klinik zusammen (s. nächste Seite). Die Studie wird dabei von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft mit Fördermitteln unterstützt.
Mindestens 75 Teilnehmer ab 60 Jahren möchte man in den kommenden zwei Jahren untersuchen. Für die Studie geeignete Interessierte können innerhalb dieses Zeitrahmens jederzeit aufgenommen werden. Dazu will man eng mit in der Region ansässigen Hörgeräte-
akustikern und niedergelassenen HNO-Ärzten zusammenarbeiten, um möglichst viele Menschen über die Möglichkeiten einer Teilnahme an der Studie zu informieren.
Kann sich eine bessere Versorgung mit Hörgeräten positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit und das psychische Befinden von Hörgeschädigten auswirken? Besteht also ein behandelbarer Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und kognitiven Defiziten? Für die Beantwortung dieser Fragen möchten die Forscher aussagekräftige Daten sammeln und letztlich Hinweise darauf erhalten, ob damit bestimmte Risikofaktoren für eine spätere Demenz beeinflussbar werden.
Der Aufbau der Studie ist dabei denkbar einfach. Die Probandinnen und Probanden werden zu Beginn in der Gedächtnisambulanz der UMG per Fragebogen und mit Hilfe einiger Testaufgaben untersucht. So sollen die Ausgangsniveaus der geistigen Leistungsfähigkeit, der psychischen Belastung, der Lebensqualität, der Depressivität und der sozialen Isolation definiert werden. Nach sechs Monaten soll dann an gleicher Stelle überprüft werden, wie sich diese Parameter durch den Einsatz des akustischen Hilfsmittels geändert haben. Das Ganze soll pro Termin circa eine Stunde in Anspruch nehmen.
Für die Studie ist geeignet, wer mindestens 60 Jahre alt ist und aufgrund einer leichten oder mittelgradigen beidseitigen Schwerhörigkeit erstmalig mit Hörgeräten versorgt wird. Aber auch Menschen, die bereits ein Hörgerät haben, können unter gewissen Umständen an der Studie teilnehmen. Eine Mittelohrerkrankung oder bereits bekannte Demenz sollten jedoch nicht vorliegen.
Ganz so wie bei Anzeichen für nachlassende Gedächtnisleistungen ist es auch bei einsetzender Schwerhörigkeit wichtig, dass Angehörige sensibel auf mögliche Hinweise für eine eingeschränkte Hörfunktion reagieren. Betroffene selbst sollten nicht zögern, frühzeitig einen HNO-Arzt zu konsultieren. Meistens kann ein Hörgerät helfen. Wer selbst schon bemerkt und zugibt, dass es ein Problem gibt, erfüllt meist auch die Voraussetzungen für ein Hörgerät.
Leider hat die ästhetische Akzeptanz bei der Hörgeräteversorgung trotz innovativer Techniken und moderner Designs noch lange nicht das Niveau erreicht hat, wie es beispielsweise bei der einst so verschmähten Brille heute der Fall ist. Träger von Hörgeräten werden weiterhin häufig stigmatisiert, so dass nur ein kleiner Bruchteil derjenigen, die mit einem Hörgerät besser hören könnten, auch tatsächlich eines tragen. Wie wichtig das kontinuierliche Tragen eines Hörgerätes hinsichtlich des Erhalts der geistigen Leistungsfähigkeit und des psychischen Befindens im Alter sein kann, wollen die Göttinger Forscher mit dieser prospektiven Studie ein Stück weit ergründen.
Interessierte können sich ab sofort auch direkt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie melden, um die Möglichkeit einer Teilnahme abzuklären (s. vorherige Seite).
Vor Ort sind eine Vielzahl an Maßnahmen getroffen worden, um auch in Zeiten der Corona-Pandemie eine solche wissenschaftliche Studie sicher durchführen zu können.
erschienen in: FÜNFZIG+ life – Ausgabe 02/2021
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