Die Kunst muss raus!

20. September 2022

Von der Triebfeder, kreativ zu sein

„Es ist wie ein Zwang. Irgendwann malt es aus dir heraus“, sagt Iris Wilhelm-Hirr, Mit-Gründerin des KUNST.RAUM.NORTHEIM. „Mein Kopf ist voller kreativer Ideen, die rauswollen“, formuliert es Frank-Helge Steuer, Mitglied im Künstlerhaus in Göttingen. Die beiden kennen sich noch nicht, ...

von Clauda Klaft

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„Es ist wie ein Zwang. Irgendwann malt es aus dir heraus“, sagt Iris Wilhelm-Hirr, Mit-Gründerin des KUNST.RAUM.NORTHEIM. „Mein Kopf ist voller kreativer Ideen, die rauswollen“, formuliert es Frank-Helge Steuer, Mitglied im Künstlerhaus in Göttingen. Die beiden kennen sich noch nicht, doch sie eint, dass sie getrieben sind von der Kunst – die aus ihnen heraus und dann in die Welt will. Ihre Wirkungsstätten sind spannende Kulturangebote in der Region, abseits von Museen mit Werken Alter Meister oder Jungen Wilden. Sie laden ein zum Kunst-(er)leben ganz nah.
Bevor Wilhelm-Hirr und Steuer Persönliches über ihre Triebfeder verraten, nehmen sie uns mit an die Orte ihres kreativen Schaffens:

 

 

KUNST.RAUM.NORTHEIM

Mitten in Northeim, im Reddersen-Haus, öffnet sich das Atelier mit einer breiten Fensterfront hin zum Betrachter. Der Blick geht durch den langen hellen Raum, der bis zum lauschigen Innenhof reicht. Anfang 2022 ist hier KUNST.RAUM.NORTHEIM eingezogen, der von den Künstlerinnen Iris Wilhelm-Hirr, Ingrid Krieser-Demuth und Projektkoordinatorin Jutta Freter erst kurz vorher ins Leben gerufen worden war und nun in die „Initiative Kunst & Kultur Northeim e. V.“ eingebunden ist. Bereits in dieser kurzen Zeit hat sich das Reddersen-Haus als beliebter Treffpunkt von Kunstschaffenden etabliert – von engagierten Anfängern bis Profis, von knapp 20- bis über 80-Jährigen, von Menschen aus Göttingen bis Bad Gandersheim.
„Dieser Mix aus unterschiedlichsten Erfahrungen und Betrachtungsweisen ist das Besondere. Wir machen keinen Unterricht, sondern bieten mit unserer offenen Malwerkstatt den Raum für kreatives Schaffen auf Augenhöhe“, betont Wilhelm-Hirr. Zum Lernen finden wochenends Workshops statt, zum Austausch unter Gleichgesinnten die monatliche „Fachsimpelei zur blauen Stunde“, es gibt Vorträge und gemeinsame Ausstellungsbesuche.
„Unser zentraler Ansatzpunkt ist der Raum“, erklärt Wilhelm-Hirr das Konzept, „denn Kunst kann überall stattfinden: im Café, in der Fußgängerzone, im Park. Wir wollen Northeim kreativ gestalten, binden die Stadt ein und diese mittlerweile auch uns.“ Die engagierte Netzwerkarbeit trägt Früchte: Am 2. September wird in der Kreis-Sparkasse Northeim eine Ausstellung eröffnet mit Bildern und Skulpturen von 20 Kreativen der offenen Malwerkstatt zum Thema „Northeim: ich sehe was, was du nicht siehst“ – Unentdecktes wird sichtbar, Offensichtliches neu interpretiert.
Die Räumlichkeiten, die von der Kreis-Sparkasse Northeim gesponsert werden, kann KUNST.RAUM.NORTHEIM voraussichtlich bis Ende des Jahres nutzen. Iris Wilhelm-Hirr gibt zu: „Wir träumen von einem dauerhaften Künstlerhaus.“

 

 

Künstlerhaus Göttingen

In einem solchen hat Frank-Helge Steuer sein Atelier. Auch dieses ein historisches Gebäude – benannt nach seinem berühmten Bewohner Georg Christoph Lichtenberg – und zentral gelegen in der Innenstadt. Hier arbeiten neun Kunstschaffende auf drei Galerie-Ebenen in jeweils eigenen Ateliers. „Wir sind wie eine große WG“, bezeichnet es Steuer, der seit dem Bezug 1978 dabei ist. Bis heute stellt die Stadt das Künstlerhaus dem Verein „Künstlerhaus mit Galerie in Göttingen e. V.“ zur Verfügung, das mit seinen hohen, weiten Räumen wie geschaffen ist für kreative Inspiration. Durch die großen Fenster fällt viel Licht in das geschichtsträchtige, repräsentative Gebäude bis hin zum lauschigen Innenhof. Er wird in diesem Sommer als Ausstellungsfläche genutzt, genauso wie der Gewölbekeller, in dem es auch teilweise möglich ist, sich selbst kreativ auszuprobieren. Neben wechselnden Ausstellungen gehört die jährliche Präsentation des Bundes Bildender Künstler (BBK) Südniedersachsen gemeinsam mit der Künstlervereinigung Kreis 34 zum festen Programm. Sie bietet einen Überblick über die regionale Kunstszene und findet 2022 vom 20. November bis 30. Dezember statt.

Begleitet werden die Ausstellungen oft von Events, wie z. B. Einführungen, Künstlergesprächen, monatliche Sonntagsführungen und After-Work-Partys. Workshops werden anlassbezogen geboten, während Kinder zwischen 6 und 12 Jahren dauerhaft im KinderKunstClub an die Kunst herangeführt werden.
„Doch darüber hinaus ist es schwer, jüngere Menschen für unsere Begegnungsstätte zu interessieren“, bedauert Steuer. Trotz der exponierten Lage des Künstlerhauses an der Gotmarstraße finden nur wenige von ihnen den Weg in die eintrittsfreien Ausstellungen. „Wir haben zwar ein gutes, persönlich bekanntes und treues Publikum. Aber unser Wirken ist nicht präsent genug im Bewusstsein der Bevölkerung.“

 

 

Iris Wilhelm-Hirr: Ihre Kunst ist nicht von Pappe

„Was mich antreibt? Es ist ein ganz starker innerer Zwang, bei dem es immer um den schöpferischen Prozess und den Wandel geht. Ich komme dadurch in einen Flow, in dem ich mich verliere“, beschreibt es die 57-Jährige. „Wenn man seine Erfahrungen und Gelerntes aufsaugt und in die Werke fließen lässt, malt man intuitiv, dann will es aus einem heraus.“
Erst vor zwei Jahren hat sie angefangen, sich ausschließlich der freien Kunst zu widmen. Zwar gehörte das Malen schon immer zu ihrem Leben, doch steckte ihre Leidenschaft hinter ihrem Beruf als freie Grafik-Designerin zurück. „Doch dann kam ich an einen Punkt, an dem ich merkte, dass ich statt mit Tastatur und Monitor lieber mit einem Pinsel und echter Farbe etwas schaffen will. Und da fiel mir zum ersten Mal der Karton in meinem Arbeitszimmer bewusst ins Auge.“ Sie schnitzte Furchen in die Wellpappe, goss Farbe darauf: sie lässt sie fließen, lässt los, greift ein, ändert die Flussrichtung, lässt wieder fließen. „Beim Fließprozess wurde mir bewusst, dass ich loslassen muss – und dann wird es gut.“
Während der Corona-Pandemie, als ein gemeinsamer Café-Besuch unerreichbar schien, malte Wilhelm-Hirr Porträts von vereinzelten Frauen und nannte die Serie „Sehnsuchtsort Café“. Und in einer Phase, in der sie viel Kaffee trank, malte sie auf Filtertüten. So wandelt sich mit ihrem Leben auch ihre Kunst. Jetzt hat sie stärkere und großformatigere Wabenpappe für sich entdeckt, die in ihrer Tiefe dreidimensionale Motive ermöglicht. „Ich werde mutiger und kompromissloser. Jetzt bin ich endlich in einem Alter, in dem ich mir die Freiheit nehme, das zu tun, was ich schon immer tun wollte. Und ich weiß, alles wird gut.“

 

 

Frank-Helge Steuer: Rost ist die Patina seiner Stahlskulpturen

„Was mich antreibt? Ich bin immer unter Volldampf, brauche Begeisterung, Leidenschaft, Inspiration und Toleranz ohne Ende. Außerdem macht Erfolg süchtig“, sagt Steuer (geb. 1943), der schon viele Räume mit seinen Werken „erobert“ hat: in Göttingen beispielsweise am Primatenzentrum und am Weender Krankenhaus sowie in Göttinger Partnerstädten. Das Neueste ist die Händel-Skulptur am Deutschen Theater. Es sind flache Umrisse von Figuren, z. B. stehende, die aus ihrer Platte hervortreten oder mehrere, die in einer leichtfüßigen, eleganten Bewegung verharren. Aus jedem Blickwinkel entdeckt man eine andere dreidimensionale Lebendigkeit.
Das Material Stahl ziert er mit Vorliebe mit Blattgold. „Da bin ich Serientäter“, gesteht der Künstler. Zu seinen Gestaltungselementen gehören auch der Rost, den er mit Salzbehandlung forciert, sowie das Einbrennen von Farbe. Die Elemente brennt er entweder klassisch aus oder lasert sie in einer Fach-Werkstatt. „Stahlarbeiten sind Knochenarbeit. Deshalb male ich zwischendurch immer wieder Bilder.“ Seine Mal-Techniken wechseln, Farbstiftzeichnungen sind ebenso darunter wie Ölbilder und Experimente mit anderen Materialien. Er verleiht den gegenständlichen und abstrakten Motiven unterschiedlichste Strukturen und Effekte. Aktuell brennt er ästhetische Muster aus einer Leinwand aus und unterlegt sie farbig. Für die kommende Ausstellung hat er überdimensional große Streichhölzer gestaltet. Und in seinen Skizzenbüchern sammelt er zeit seines Lebens Ideen, die nicht ausgehen wollen.
„Als ich jetzt bei der Banksy-Ausstellung in Hamburg war, hat es wieder Klick klick klick in meinem Kopf gemacht“, erzählt er. Und so arbeitet er jeden Tag in seinem Atelier und lässt seiner Kreativität freien Lauf.

Und das Schöne ist, dass jeder die Kunst von Iris Wilhelm-Hirr und Frank-Helge Steuer (er)leben kann! Denn im Gegensatz zu den musealen Alten Meistern und Jungen Wilden wirken sie hier in der Region, mitten unter uns. Die Kunst – sie will raus!

 

erschienen in FÜNFZIG+ life – Ausgabe 02/2022

© Fotos: Wilhelm-Hirr, Steuer, Klaft